Die überwiegend junge Zuhörerschaft in der gut besuchten Aula erlebten eine für sie ungewohnte Form des Austauschs über Gedichte: Die Schauspielerin Iabella Bartdorff und der Germanist Dr. Hans-Martin Blitz eröffneten in einem geistreichen, kurzweiligen Dialog einen sowohl wissenschaftlich fundieren als auch intuitiv-schauspielerischen Zugang zu zentralen Gedichten der Romantik. Die Textauswahl umfasste nicht nur repräsentative romantische Gedichte, sondern stellte sie zudem in den Kontext der vorangehenden Epochen von Barock bis Aufklärung. Für die Schülerinnen und Schülerkurz vor dem Abitur wurde so ganz nebenbei ein Pflichtthema in schülerfreundlich lockerer Form wiederholt und vertieft.

 

Die beeindruckende Sprachkunst von Isabella Bartdorff prägte den Abend. Sie brachte der Zuhörerschaft die Texte in ganz unaufdringlicher, unmittelbarer Weise nahe.

Manche Texte trug sie bewusst zweimal vor, um unterschiedliche Lesarten und ihre jeweilige Wirkung erfahrbar zu machen. Die dabei zutage tretenden Ambivalenzen in der Deutung, wie sie in der Begegnung mit Literatur eben häufig auftreten, ließen die beiden Vortragenden bewusst stehen – und luden so zu einer eigenständigen Auseinandersetzung mit den Texten ein.

 

Die dialogische Form ermöglichte darüber hinaus kleine Exkurse. So gewährte Isabella Bartdorff einen interessanten Einblick in ihre Arbeit in einem feministischen Theaterkollektiv, entstanden aus der Erfahrung der „Me too“-Bewegung. Wie eine „performative“ Herangehensweise an Texte und Themen den Blick der Spielenden bewusst mittransportiert, wurde dann im zweiten Teil des Abends deutlich: Klassisch romantische Themen wie Wald, Natur als Spiegel der menschlichen Seele, Innerlichkeit, Kritik am Rationalismus der Aufklärung wurden hier ergänzt durch einen modernen, feministisch getönten Blick auf (männliche) Frauenbilder der Epoche und die Antworten von romantischen Autorinnen auf diese Rollenzuschreibungen. Ein Höhepunkt war der parodistische Vortrag eines Brentano-Gedichts in der Rolle von Leonardo di Caprio als selbstverliebtem Macho (den Isabella Bartdorff derzeit in einer anderen Produktion verkörpert). Pointierter kann man das teilweise fragwürdige männliche Frauenbild der Epoche nicht entlarven.

 

Es war ein erfrischender, intensiver, besonderer Abend, der ein vermeintlich trockenes Abitur-Thema aus den Grenzen des Klassenzimmers befreite und emotional erlebbar machte. Mit ihrem genuin romantischen Konzept einer Mischung aus Dialog, Performance und Reflexion zogen Isabella Bartdorff und Hans-Martin Blitz ihr Publikum spürbar in den Bann.

 

An dieser Stelle geht ein herzlicher Dank an den Förderverein für die großzügige Spende.

 

Text: Dorothea Schmidt

Fotos: Alexandra Soder

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